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RECENZNÍ STATI

Die Ideologie der Moderne und die „Banalität des Bösen“. Kontroversen um Hannah Arendts politische Theorie des Antisemitismus

Vydáno dne 25. 03. 2008 (2774 pøeètení)

SCHULZE WESSEL, Julia. Ideologie der Sachlichkeit : Hannah Arendts politische Theorie des Antisemitismus. 1. vyd. Frankfurt am Main : Suhrkamp 2006. 248 s. ISBN 3-518-29396-6.

Das Bedürfnis, das scheinbar Unerklärliche erklären zu wollen, stellte die Erforschung des Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg vor eine grundlegende Herausforderung. Insbesondere die Erforschung des deutschen Antisemitismus und des antisemitischen Charakters des „Dritten Reiches“ vor dem Hintergrund seiner allgemeinen Entstehung und Entwicklung avancierten in der Nachkriegsgesellschaft zu erklärungsbedürftigen Forschungsfragen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen.

Bereits Anfang der 1950er Jahre erschienen drei einflussreiche Publikationen, die nach rationalen Erklärungsansätzen für die Shoah fragten. Paul Massing versuchte die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegenüber den Juden mit Hilfe des politischen Antisemitismus zwischen 1871 und 1914 als historischen Vorboten zu erklären[1]. Eva. G. Reichmanns „Hostages of Civilization“ konzentrierte sich intensiver auf die ideologische Begründung des deutschen Nationalbewusstseins, dem die Autorin ein eklatantes Maß an innerer Unsicherheit bescheinigte[2]. Im Antisemitismus habe der deutsche Nationalismus einen ideologischen Ausgleich für die Schwächen seiner eigenen nationalen Identität gesucht und damit einen existenziellen „Sonderfall der Gruppenspannungen“ zwischen einer jüdischen Minderheit und einer nichtjüdischen Mehrheit erzeugt. Auf diese habe dann der nationalsozialistische Antisemitismus mittels seiner judenfeindlichen Propaganda aufbauen und anknüpfen können. Reichmanns Forschungsverdienst war es, in der Suche nach einer Erklärung für den deutschen Antisemitismus von der eigentlichen „objektiven“ Lage der Juden im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts abstrahiert und den Blick auf die ideologisch-konstruktivistischen Hintergründe der Antisemiten selbst gelenkt zu haben. Nur wenige Jahre später erschien Hannah Arendts Werk „The Origins of Totalitarism“, das weder eine umfassende Geschichte des Antisemitismus [ist], noch es sein [will]“[3]. Noch mehr als Reichmann strebte Arendt nach einer ideologischen Erklärung des Phänomens „Antisemitismus“: Sie griff auf ideengeschichtliche Entwicklungen in den 1870er und 1880er Jahren zurück, die „die antisemitische Ideologie unlöslich verquickt mit Problemen, die so gut wie keinen Bezug mehr zu den Realitäten der modernen jüdischen Geschichte haben“[4]. Arendt stellte den modernen Antisemitismus als Auswuchs des völkischen Nationalismus dar, der seinerseits im Gegensatz zum liberal-toleranten Nationalstaatsgedanken der westeuropäischen Demokratien Frankreich und Großbritannien stand und mit individuell erfahrbaren Auseinandersetzungen zwischen Nichtjuden und real existierenden Juden nichts mehr zu tun hatte.

Dass Arendt in ihrem wenige Jahre später folgenden Werk „Eichmann in Jerusalem“  den verhafteten und angeklagten NS-Täter nicht als aggressiv-emotionalen Schlächter, sondern als kühlen und unauffälligen Bürokraten, als Schreibtischtäter ohne persönliche antisemitische Überzeugungen, beschrieb, brachte die Antisemitismusforschung und den Forschungsblick auf die nationalsozialistische Judenvernichtung in Erklärungsschwierigkeiten[5].  Zu eklatant stand ihr Eichmann-Bild im Gegensatz zu den psychoanalytischen und sozialpsychologischen Forschungsansätzen, die den Antisemitismus als ein individuelles oder kollektives pathologisches Phänomen mit subjektivem Hang zu autoritären Charakterzügen betrachteten[6]. Die Kritik an Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess richtete sich insbesondere gegen ihre scheinbar fehlende Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, die sie noch wenige Jahre zuvor in den „Origins of Totalitarism“ zum Hauptthema gemacht hatte. Aus diesem scheinbaren Defizit konstruierte die Antisemitismus- und Holocaust-Forschung einen Bruch in der Arendtschen Theorie und in ihrem Begriff des Antisemitismus – und dies, obwohl eine umfassende, systematische Aufarbeitung ihres Antisemitismusbegriffs noch ausstand[7]. Anlässlich ihres 100. Geburtstags im  Oktober 2006 wirft Julia Schulze Wessels Monographie „Ideologie der Sachlichkeit. Hannah Arendts politische Theorie des Antisemitismus“ ein neues Licht auf Arendts Gesamtwerk[8]. Sie vergleicht ihre beiden Studien „The Origins of Totalitarism“ und „Eichmann in Jerusalem“ systematisch, stellt sie in den Kontext des gesamten Arendt-Werks,  ergänzt ihre Untersuchung mit Quellen aus dem Oldenburger Hannah-Arendt-Archiv und weist in Arendts Gesamtwerk eine sukzessive Fortentwicklung und Radikalisierung eines einheitlichen Antisemitismusbegriffs nach. Dieser Begriff seinerseits wirft nach Schulze Wessel – im Gegensatz zu Arendt-kritischen Forschungsurteilen – keine inneren Widersprüche auf, passt aber in seiner Endform als „Antisemitismus unter totaler Herrschaft“ keineswegs mehr in die gängigen Kategorien des Antisemitismus: Da Arendts neuer moderner Antisemitismus sich nicht mehr auf „konkrete Menschen“ – auf den individuellen oder die kollektiven Juden als ideologische Hassobjekte – bezieht, seien judenfeindliche Handlungen nun nicht mehr notwendigerweise an antisemitische Überzeugungen der Beteiligten gebunden. Der traditionelle Antisemitismusbegriff werde inhaltlich entleert und weiche einem neuen Phänomen: der von Schulze Wessel genannten „Ideologie der Sachlichkeit“.

Schulze Wessels Studie folgt einem dreigliedrigen Schema. Im ersten Schritt untersucht sie Arendts methodisches Vorgehen in der Formulierung ihrer politischen Theorie des Antisemitismus. Werkimmanent analysiert sie die verschiedenen Facetten der Arendtschen Begrifflichkeiten – insbesondere des Antisemitismusbegriffs – und bettet diese gemäß den zentralen Annahmen der Cambridge School in Arendts zeitgenössischen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ein. Mehr noch: Sprachliches Handeln bedeute immer auch politisches Handeln[9]. Auf dieser methodischen Grundlage arbeitet sie in Arendts Werk einen Geschichtsbegriff heraus, der vom Denken in Brüchen bestimmt ist. Der verbreitete Vorwurf gegen Arendt, ihre “Origins of Totalitarism” seien formal strukturlos, laufe ins Leere: Vielmehr drücke sich in den scheinbar unvermittelt nebeneinander angeordneten Teilen des Buchs der Bruch mit der bisherigen Geschichte aus, den Arendt im Aufkommen der totalen Herrschaft sieht[10]. Dieser Bruch in der historischen und politischen Ordnung löse die etablierte Unterscheidung zwischen Politik und Gesellschaft auf und sei selbst von Arendts eigener Erfahrung der totalen Herrschaft – der Vernichtung der europäischen Juden – bestimmt[11]. Leider verzichtet Schulze Wessel hier darauf, diese Perspektive des Arendtschen Geschichtsverständnisses selbst zu hinterfragen und in Beziehung zu anderen methodisch-theoretischen Geschichtszugängen – insbesondere zu konstuktivistischen und dekonstruktivistischen Forschungsansätzen – zu setzen.

Von dieser Arendtschen Vorstellung des Bruchs ausgehend, untersucht Schulze Wessel im zweiten Schritt die spezifischen Charakteristika des Arendtschen Antisemitismusbegriffs. Anschaulich belegt sie, wie Arendt den in der Forschung verbreiteten Zusammenhang zwischen dem traditionellen religiösen, auf Bekehrung und Erlösung abzielenden Antijudaismus einerseits und dem modernen rassistischen, unvereinbare Gegensätze zwischen Juden und anderen Völkern propagierenden Antisemitismus andererseits ablehne. Da Arendts politisches Denken von Diskontinuitäten und Brüchen bestimmt sei, lehne sie alle Kontinuitätslinien ab, die die nationalsozialistische Vernichtungspolitik als Verlängerung der im 19. Jahrhundert entstandenen antisemitischen Ideologie ansehen[12]. Arendts Theorie des Antisemitismus gliedert Schulze Wessel in fünf zeitlich aufeinander folgende Entwicklungsphasen, die Arendt selbst zwar so nicht definierte, die sich aber inhaltlich in ihrem Werk wiederfinden[13]. Die erste Phase siedelt Schulze Wessel Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts an, dem Beginn des modernen Antisemitismus, als die Judenfeindlichkeit noch auf der Wahrnehmungsebene persönlicher Erfahrbarkeit zwischen nichtjüdischer Mehrheit und jüdischer Minderheit argumentierte. Diese Erfahrbarkeit verliere in der zweiten Phase im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an Bedeutung, als der Antisemitismus zur politischen Bewegung – aber noch nicht zur Ideologie – aufstieg. Erst in seiner dritten Phase des Imperialismus avanciere der Antisemitismus zum geschlossenen rassenbiologischen Weltbild, zu einer Ideologie, die nun völlig losgelöst vom persönlichen Erfahrungshorizont sei. Die vierte Phase des Beginns der nationalsozialistischen Bewegung instrumentalisiere den Antisemitismus als Propagandainstrument, das eine symptomatische Krise der modernen Massengesellschaft verdeutliche. Der Antisemitismus erhalte nun eine neue Erfahrungsgrundlage, die aber nicht mehr auf Konflikten zwischen Juden und Nichtjuden, sondern auf den Problemen des modernen Massenmenschen beruhe. Damit sei der Antisemitismus nun völlig losgelöst von den Juden und beziehe sich ausschließlich noch auf die Träger der antisemitischen Vorstellungen selbst. In der letzten Phase, der totalen Herrschaft, dominiere eine absolute ideologische Willkür und Beliebigkeit. Ideologie und Realität stehen nun in einem verkehrten Verhältnis zueinander: Die Ideologie lüge sich ihre Realität wahr und schaffe sich ihre eigene Realität[14]. Diese letzte Phase schaffe nach Schulze Wessel einen neuen Tätertyp, der in einem neuen Verhältnis zu seinen Verbrechen stehe. Der Antisemitismus sei keine inhaltlich gefüllte ideologische Überzeugung mehr, sondern schaffe sich nun als entsubstanzialisierte totale Realität seine eigenen Fakten. Entsprechend richte sich der Vernichtungsprozess potenziell gegen alles und jeden und sei im Handeln der Täter von einer nüchternen „Ideologie der Sachlichkeit“ geprägt[15].

Dieses aus der Analyse gewonnene Konzept der „Ideologie der Sachlichkeit“ wendet Schulze Wessel nun im dritten Schritt auf Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess an[16]. Sie zeigt anhand der Schriften und Protokollen der Prozess-Beobachterin und Augenzeugin Arendt, wie der angeklagte NS-Täter im Bild der Autorin dem neuen Tätertyp entspricht, den der totale Antisemitismus hervorbringe: Frei von persönlicher Abneigung gegenüber den Juden, aber beseelt von bürokratischem Pflichterfüllungsdenken und Führerhörigkeit, die ihrerseits wiederum von der konkreten Person des Führers abstrahiert und ins eigene Täterhandeln internalisiert wird. Aus dieser Beobachtung resultiert die Formulierung von der „Banalität des Bösen“. Damit verbindet sich die Entleerung des Antisemitismusbegriffs mit der Entsubjektivierung und Entpersonalisierung seiner Täter. Eindrucksvoll interpretiert Schulze Wessel Arendts Werk als fundamentale Kritik an der nationalstaatlichen Verfasstheit der Staatenwelt und am Aufkommen der Massengesellschaft: „Antisemitismus ist bei Arendt Ausdruck und Ursache des gesellschaftlichen und politischen Verfalls. In ihm manifestieren sich die Deformationen der Gesellschaft und gleichzeitig deformiert er selbst die Gesellschaft, treibt ihren Verfall voran“[17].  

Schulze Wessels Studie leistet einen wichtigen Beitrag für die Hannah-Arendt- sowie für die Antisemitismusforschung. Sie wagt eine systematische Bestimmung des Arendtschen Antisemitismusbegriffs und setzt diesen in Beziehung zu anderen zeitgenössischen Theorien und Theoretikern. Zudem gibt sie einen fundierten Überblick über die in den 1990er Jahren einsetzende verstärkte Forschungsrezeption von Arendts Theorien[18]. Dabei arbeitet sie eine markante Diskrepanz heraus: Trotz des enormen Interesses an Arendts Theorie der „totalen Herrschaft“ gebe es bislang kaum Arbeiten, die sich mit der Vorgeschichte der totalen Herrschaft und mit dem Arendtschen Antisemitismusbegriff systematisch auseinandersetzen[19]. Leider verzichtet Schulze Wessel auf eine ausführliche Diskussion des Arendtschen Antisemitismusbegriffs. Eine solche hätte Arendts Forschungsbeitrag zur Wesens- und Zäsurendebatte um den modernen Antisemitismus zeigen können. Ähnlich wie Arendt konstruieren auch andere Historiker eine entscheidende Zäsur Ende des 19. Jahrhunderts, in der die aufkommende Massenpolitik als Reaktion auf die rechtliche Gleichstellung der Juden mit einem „modernen“ Antisemitismus zusammenfalle[20]. Dieser Forschungsperspektive lässt sich die Grundtendenz in Hannah Arendts Antisemitismus-Verständnis ebenso zuordnen wie den Antisemitismus-Modellen des rationellen Übergangs von Gesellschaften aus der Vormoderne in die Moderne, die Zygmunt Baumann aufstellte[21]. Dennoch verfügt Arendts Geschichtsverständnis darüber hinaus über tiefgründigere existenzphilosophische Dimensionen sowie über Anklänge einer  massengesellschaftlichen Fundamentalkritik, die ihr theoretisches Werk nur schwer einzelnen Forschungskategorien und -richtungen zuordnen lässt.

Dass Arendts Theorien und ihr Eichmann-Bild in der deutschen Nachkriegsrezeption auch begeisterte Anklänge einer Entlastungsfunktion fand, indem es deutsche Verbrechen im allgemeinen Kontext der Weltentwicklung aufgehen ließ, kann schwerlich Arendt selbst zum Vorwurf gemacht werden[22]. Auf derartige weltanschauliche Instrumentalisierungen der Arendtschen Theorien in Politik und Gesellschaft geht Schulze Wessel leider kaum ein. Dennoch ist ihre bemerkenswerte Studie ein ideen- und wissenschaftsgeschichtlich wichtiges und wertvolles Buch, das ein neues Licht auf Arendts Gesamtwerk wirft und die inhaltliche Diskussion um ihre Theorien sowie um ihren Stellenwert in der Antisemitismus- und Holocaustforschung enorm bereichert.

 


Tento výstup vznikl za podpory Univerzity Karlovy v Praze, Filozofické fakulty z prostøedkù specifického výzkumu na rok 2008, èíslo projektu GRANTY/2008/561.


[1] Paul W. Massing: Rehearsal for Destruction. A Study of Political Anti-Semitism in Imperial Germany, New York 1949 (dt.: Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, Frankfurt am Main 1959).

[2] Eva G. Reichmann: Hostages of Civilization. The Social Sources of National Socialist Anti-Semitism, London 1950 (dt.: Die Flucht in den Hass. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe, Frankfurt am Main 1956).

[3] Hannah Arendt: Origins of Totalitarism, London/New York 1954 (dt.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt am Main 1954). Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1967, S. 16.

[4] Ebd., S. 18.

[5] Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. A report on the Banality of Evil, New York/London 1963 (dt.: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1964).

[6] Theodor W. Adorno: The Authoritarian Personality, New York 1950. Ähnlich psychoanalytisch argumentiert auch Margarete Mitscherlich: Antisemitismus – eine Männerkrankheit?, in: Dies.: Die friedfertige Frau. Eine psychoanalytische Untersuchung zur Aggression der Geschlechter, Frankfurt am Main 1985. Auch Norman Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Köln 1969, knüpfte in seiner ersten Auflage an psychopathologische Erklärungsansätze im Sinne der Freudschen Erkenntnistheorie an, vgl. Sigmund Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, hg. von Anna Freud, Frankfurt am Main 1957 (=Gesammelte Werke 16). Dieser Bezug fiel jedoch in Cohns Neuauflage von 1998 weg, vgl. Peter Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914, Neuausgabe, Göttingen 2004 , S. 12f.

[7] Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, Frankfurt am Main 1991. Ein häufig anzutreffender Kritikpunkt an Arendts Prozessbericht wirft der Autorin vor, strengere moralische Maßstäbe an die Juden als an Eichmann angelegt und sich von Eichmanns Selbstinszenierung als unscheinbaren pflichtbewussten Bürokraten täuschen lassen zu haben, vgl. Israel Gutman/Eberhard Jäckel/Peter Longerich: Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, München 1998, Stichwort Arendt-Kontroverse. In Deutschland lösten die Verhaftung Eichmanns und der Prozess gegen ihn Befürchtungen negativer Folgen für das internationale Ansehen Deutschlands aus, vgl. Peter Krause: Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse, Frankfurt am Main/New York 2002. In Israel flammte die Diskussion um Arendts Prozessbericht mit dessen Übersetzung ins Hebräische im Jahr 2000 neu auf, vgl. Rainer Wenzel: Ein unabgeschlossener Prozess. Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ in hebräischer Übersetzung, in: Kalonymos 3,4 (2000), S. 11-17.

[8] Julia Schulze Wessel: Ideologie der Sachlichkeit. Hannah Arendts politische Theorie des Antisemitismus, Frankfurt am Main 2006.

[9] Zur Cambridge School vgl. Quentin Skinner: Visions of Politics. Regarding Method, Cambridge 2002; Olaf Asbach: Von der Geschichte politischer Ideen zur History of Political Discourse? Skinner, Pocock und die Cambridge School, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft 12 (2002), S. 637-667; Hartmut Rosa: Ideengeschichte und Gesellschaftstheorie. Der Beitrag der Cambridge School zur Metatheorie, in: Politische Vierteljahresschrift 35 (1994), S. 211.

[10] Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 9), S. 39. Zu diesem Vorwurf vgl. Raul Hilberg/Alfons Söllner: Das Schweigen zum Sprechen bringen. Über Kontinuität und Diskontinuität der Holocaust-Forschung, in: Merkur 42 (1998), S. 539.

[11] Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 39f.

[12] Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 47. Gemäß Hermann Greive: Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland, Damtstadt 1983, S. VII, hänge die Bewertung der Zusammenhänge und Unterschiede zwischen traditionellem Antijudaismus und modernem Antisemitismus stets von den erkenntnisleitenden Forschungsinteressen ab, ob die zeitliche Kontinuität der Judenfeindschaft oder aber das Besondere der im 19. Jahrhundert entstandenen antisemitischen Ideologie hervorgehoben werden soll. Da Arendt sich in diesem Sinne eher auf das Neue in der Geschichte konzentriere, entfalle der Blick für den Antijudaismus und für die judenfeindlichen Kontinuitäten in der Geschichte.

[13] Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 66-154.

[14] Dies gipfele in der so genannten „Endlösung“, der systematisch organisierten Judenvernichtung, vgl. Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 149f.

[15] Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 155-158.

[16] Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 159-219.

[17] Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 224.

[18] Exemplarisch Frank Hermenau: Urteilskraft als politisches Vermögen. Zu Hannah Arendts Theorie der Urteilskraft, Lündeburg 1999; Margaret Canovan: Hannah Arendt. A Reinterpretation of Her Political Thought, Cambridge 1992; Daniel Ganzfried/Sebastian Hefti (Hg.): Hannah Arendt. Nach dem Totalitarismus, Hamburg 1997; Julia Kristeva: Das weibliche Genie. Hannah Arendt, Berlin/Wien 2001; vgl. Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 18f.

[19] Exemplarisch Iris Pilling: Denken und Handeln als Jüdin. Hannah Arendts politische Theorie vor 1950, Frankfurt am Main 1996; vgl. Schulze Wessel: Ideologie (wie Anm. 8), S. 19f.

[20] Helmut Berding: Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988; Ders.: Antisemitismus in der modernen Gesellschaft: Kontinuität und Diskontinuität, in: Manfred Hettling/Paul Nolte (Hg.): Nation und Gesellschaft in Deutschland. Historische Essays, München 1996, S. 204f. Andere Historiker sehen die entscheidende Zäsur in der Entwicklung des deutschen  Antisemitismus erst in der Machtübernahme der Nationalsozialismus, vgl. Shulamit Volkov: Das geschriebene und das gesprochene Wort. Über Kontinuität und Diskontinuität im deutschen Antisemitismus, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 33/2 (1985), S. 221-243; Albert S. Lindemann: Esau´s Tears. Anti-Semitism and the Rise of the Jews, Cambridge 1997. Wieder andere Historiker verorten die Zäsur des deutschen Antisemitismus im Verlauf des Ersten Weltkriegs, vgl. Geoff Eley: What are the Contexts for German Antisemitism?, in: Studies in Contemporary Jewry 13 (1997), S. 117-125.

[21] Zygmunt Baumann: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 1992; Ders.: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg 1992. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main 1947, verlegen die Entstehung des Antisemitismus in die Moderne selbst. Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, Frankfurt am Main 2007, S. 399f., sieht die Antisemitismus-Ansätze von Arendt und Baumann in diametralem Gegensatz zueinander stehen, da Arendt im Unterschied zu Baumann eher den historischen Bruch statt der kontinuierlichen Entwicklung betone. Diese Perspektive stimmt zwar im Grundansatz, übersieht aber, dass Arendt ebenso wie Baumann ihre Ansätze auf die Entstehung des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert beziehen.

[22] Zu den Arendt-Kontroversen vgl. Anm. 7.


Celá recenzní sta | Autor: Andreas M. Froese | Poèet komentáøù: 1 | Pøidat komentáø | Informaèní e-mail Vytisknout èlánek Zobrazit nebo stáhnout text v PDF formátu


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